MUTTER ERDE VON KATHARINA HOGENKAMP
  • MUTTER ERDE VON KATHARINA HOGENKAMP

    KATHARINA HOGENKAMP JOURNALIST AND TRANSLATOR

    Die in London lebende deutsche Journalistin und Übersetzerin Katharina Hogenkamp beschäftigt sich mit Mode und Nachhaltigkeit in Europa und der Welt. Für thewearness.com erzählt sie in ihrer neuen Kolumne von den Herausforderungen der Wegwerfgesellschaft, der Kraft der Gemeinschaft, und wie sie andere Frauen zur Veränderung inspirieren.

    Im zweiten Teil ihrer Kolumne schreibt sie über die Brände im Amazons-Regenwald und die Bedeutung einheimischer Wälder für das Klima und die Zukunft der Menschen.

    In Berlin spricht man jetzt Englisch, denke ich, als ich mit meinem Fahrrad durch die grünen Straßen von Kreuzkölln fahre. Fast vier Jahre ist es her, dass ich in der Hauptstadt gelebt habe. Heute besuche ich die Orte, in die ich mich damals verliebt habe. Auf meinem Weg zum türkischen Markt am Maybachufer scheint alles beim Alten: Das Café, eine von Kaffeeduft erfüllte Institution auf der Pannierstraße, bietet bis heute die besten Croissants mit Zitronenfüllung, die man bei Sonnenschein draußen an den kleinen Tischen in entspannter Atmosphäre genießen kann. Das Zwitschern der Berliner Spatzen unterstreicht die beseelte Stimmung im Kiez. Für einen Moment vergisst man alles um sich herum.

    Am Nebentisch nimmt eine ältere Dame Platz, die sich mit ihrem Gegenüber im Berliner Dialekt austauscht: ‚Is aba warm heute, wa?‘, fragt sie, dann werfe ich einen Blick in die Zeitung. Die Morgenpost berichtet an diesem Spätsommertag im August von den schönsten Badestellen in Brandenburg. Auch geht es in den Nachrichten um Donald Trump und den Grönland-Streit mit Dänemark sowie die große Jubiläumstour 2020 von Peter Maffay. Überrascht finde ich erst im hinteren Teil der Zeitung einen kurzen Artikel über die verheerenden Brände in Südamerika. Tatsächlich hätte ich so eine schockierende Meldung eher auf der Titelseite erwartet. Da war Instagram etwas besser informiert, denke ich.

    Unter dem Hashtag #PrayForAmazonia formieren sich in den sozialen Medien seit Tagen immer mehr Menschen zum Protest gegen die Zerstörung unseres Planeten.

    Es trifft ein Ökosystem, das seit Jahrzehnten ausgebeutet wird: Die „grüne Lunge der Erde“, Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten, steht seit Wochen in Flammen. Besonders schlimm ist es im Amazonasgebiet. Brandrodungen und Umwaldungen sowie der Bau von Großstaudämmen zum Zweck der Landwirtschaft sollen der Hintergrund sein – und dass, obwohl die Umwelt durch den voranschreitenden Klimawandel bereits geschwächt ist.

    Auch indigene Bevölkerungsgruppen sind von den Auswirkungen der Abholzung betroffen. Ein Beispiel dafür ist die Gemeinschaft der Maroons im Buschland von Suriname an der Nordostküste von Südamerika. Die Geschichte des Stammes wurde jüngst in der Dokumentation Stones Have Laws festgehalten. Vor wenigen Wochen sah ich mir diese in einem Londoner Kino an. Der Film ist das Ergebnis einer Kollaboration der Künstler Lonnie van Brummelen und Siebren de Haan. Er erkundet die Entwicklung der Maroons und dessen Riten und Gebräuche im Hinblick auf die Gesetze der Natur sowie deren Ausbeutung durch multinationale Rohstoffkonzerne.

    Ich bin mir der Notlage unserer Welt bewusst. Trotzdem scheinen die Probleme in den von humanitären Krisen und Naturkatastrophen betroffenen Ländern jedes Mal ziemlich weit weg. Schließlich habe ich ein Dach über dem Kopf und nach wie vor genug zu essen im Kühlschrank. Bislang mache ich mir keine ernsthaften Sorgen um meine Existenz.

    Doch eins ist klar: Wir, die Menschen im Westen, leben im Überfluss und tragen damit gewollt oder ungewollt zur Ausbeutung unseres Planeten bei.

    Wir haben nur diese eine „Mutter Erde“, die uns nährt, solange wir sie gut behandeln. Den Planeten und seine Bewohner mit Respekt zu behandeln, darum geht es. Wir müssen uns über die Folgen unserer Entscheidungen im Alltag klarer werden. Alles hat seinen Preis, und die Feuer in Südamerika können wir uns schlichtweg nicht leisten. Verbrennt der Amazonas-Regenwald – bis heute sind etwa 80% der einheimischen Wälder aus unserer Welt verschwunden – sind wir alle davon bedroht.

    Wenn erst das Klima gekippt ist, wird es zu spät sein und wir haben keine andere Wahl, als uns, statt über die Brexit-Frist oder Greta Thunbergs Segeltour nach Amerika aufzuregen, mit den wirklich wichtigen Dingen des (Über-)Lebens zu beschäftigen.

    Jeder Baum speichert CO2 in Form von Kohlenstoff und stabilisiert damit das Klima. Außerdem haben Wälder einen direkten Einfluss auf den Wasserkreislauf der Natur. Im Zuge der Brände in Brasilien habe ich mich deshalb dazu entschlossen, mich künftig aktiv an der Wiederaufforstung der Natur zu beteiligen.

    Auf Instagram entdeckte ich vor kurzem Jaguar Siembra. Das Projekt in der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien besteht darin, die Umwelt zu erhalten, indem neue Bäume in speziellen Gebieten gepflanzt werden. In den ersten zwei Wachstumsjahren kümmert sich die indigene Gemeinschaft um die Bäume. Danach wird man den Wald sich selbst überlassen. Die Initiative hilft den Einheimischen und der Tierwelt. Außerdem fördert sie nachhaltige Projekte im Bereich der Kunst, Bildung, Kultur und Gesellschaft.

    Ich verstehe, wie fern uns die Probleme Brasiliens gerade in Europa erscheinen. Doch wir müssen erkennen, dass sich solche Situationen in Zukunft wiederholen werden, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Wir sitzen alle im selben Boot, und bei dem rasanten Tempo, das der Klimawandel gerade zurücklegt, kommt die Flut bald schneller, als uns lieb ist.

    Picture above: Vintage blouse; Jeans by MIH; Pumps by Chloé
    Photo-Credit: Katharina Hogenkamp
  • Comments on this post (1 comment)

    • Marion says...

      Dieser Artikel sollte uns bewegen, darüber nachzudenken, dass wir nur diese eine Erde haben. Wir können alle aktiv etwas für die Umwelt tun und sei es ein noch so „ kleiner“ Beitrag. Kein coffee to Go, keine vorgefertigten Snacks in Plastikverpackungen etc. Benutzen wir wieder unsere Zähne, um einen Apfel zu verzehren und unsere Finger, um eine Apfelsine zu zerteilen. Betrachten wir essen wieder als Genuss , Sinneserfahrung und vor allem für einen Moment der Ruhe und Pause vom Geschehen. Rennt nicht weiter wie die Hamster im Rad oder mit geschlossenen Augen und abgeschalteten Gehirnen den ewig Gestrigen hinterher, denen es nur um Profit und Macht geht.

      November 21, 2019

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